Jenseits des Vergessens

Blog von Amanda Koch

Worte aus dem Roman Ildathach

Jul 032017

Ich wirke ein Kleid aus dem Brodem der Irischen See. Beinahe muss ich lachen, so einfach ist das Wasser zu beherrschen. Unzählige einzelne Tropfen gehorchen mir, und so webe ich im Licht der Sonne den magischen Stoff, der meinen Körper beschützen wird. Faden um Faden spinne ich um mich. Die Wassertropfen umschließen meine langen Beine, meine Taille, und fließen schließlich bis nach oben zu meinem Hals. Dort verbinden sie sich zu einem hohen Kragen, bevor sie sich an meinen Armen hinunter winden. Noch schimmern sie wie Glas im Licht. Aber schon mit meinem nächsten Atemzug beginnen sie zu schwingen. Denn ich bin mein Atem selbst. Mit jeder Bewegung pulsiert mein Element und formt mich. Doch ich brauche mehr. Ich drehe mich, murmle uralte Worte und breite dabei die Arme aus, um mit den Händen jene Bewegung auszuführen, die die Wassertropfen zu grauem Nebel wandelt. Aus einem Nebelhauch weichen Schwaden, dicht und grau quellen sie um mich, bis sie meinen schlanken Körper perfekt umspielen. Nun trage ich ein Nebelkleid, durch das mein Atem pulsiert und den Saum wie im Wind wehen lässt. Und in dem Augenblick weiß ich es: Ich bin stärker geworden. Stärker, als es je ein Wesen der Luft war, und endlich bereit mein Geburtsrecht von der Hohen Göttin zu fordern. Ich muss nur schnell genug handeln.

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Ich raffe mein Nebelkleid und schwebe über die Wogen dem Ufer entgegen. Wellen streifen meine Füße, und zugleich greifen aus Wasser geformte Hände nach mir. Diese lästigen Meerwesen. Wild zerren sie am Saum meines Kleides, als wollten sie mich festhalten. Doch es ist nur ein erbärmlicher Versuch, ihrem Gott zu gehorchen. Hier vor der Insel hat Lir keine Macht. Und so erreiche ich das Ufer problemlos. Ich betrete den Kiesstrand von Calf. Dabei sehe ich sie schon. Die Menschenfrau steht ganz in der Nähe des Cottages.

(c) Amanda Koch aus Ildathach - Jenseits des Vergessens. Das Buch erscheint am 1. August. Bei fehu http://www.fehu-fantasy.de/buecher.html ist es vorbestellbar. Die Auslieferung erfolgt ab 17. Juli. Signierte Bücher werden am 31.7 versendet. 

 

Die alte Frau des Winters

Jan 202017

Kalt berührt die Luft mein Gesicht. Rasch ziehe ich meinen Umhang enger und schaue über den See. Eisig und geheimnisvoll liegt er vor mir und der Hauch meines Atems vermischt sich mit den näher kommenden Nebelschwaden. Wie ein Schleier webt der seine Magie über das Wasser, züngelt mir entgegen und lässt mich das andere Ufer kaum erahnen.
In der Nacht ist der erste Schnee gefallen. Leise knirscht er unter meinem Tritt. Nun hat die alte Frau des Winters das Land wieder fest in ihrer Gewalt. Sie legt erneut ihre bedrückende Stille über die Felder, die Berge und selbst den See und verwandelt dort das ufernahe Wasser zu Eis. Bewegungslos starre ich auf das gefrorene Schilf. Um die dicken Halme wächst eine Eisschicht während die Kälte des Winters jeden von ihnen auf ihre eigene Weise gefangen hält, so wie sie auch mich für den Moment einfriert.
Kann ich dieser Welt wirklich entkommen? Heute? Unter der Herrschaft von Cailleach?
Zögernd wage ich einen Schritt nach vorn. Unter meiner Last ächzt das Eis am Ufersaum als die grauen Nebel höher wallen. Immer dichter verdecken sie mir die Sicht in den feuerrot getränkten Winterhimmel, der mich nichts von seiner Wärme spüren lässt. Selbst die Kraft des Feuers ist unter der Herrschaft der alten Frau machtlos. Kalt lässt sie den Hauch des Winters über den See wehen. Ich friere und höre leise das Seegras rascheln. Sanft beugt es sich zu mir, als würde es im Wind uralte Worte flüstern, nur um mir das Verborgene im Nebel anzukündigen.
Die magischen Nebel, denke ich und blicke in den wallenden Dunst. Dabei schwappt eine Welle über die Eisscholle und tränkt den Saum meines Kleides. Mehr und mehr kräuselt sich die Wasseroberfläche während der Nebel feuchtkalt meine Wangen küsst, und mir sogleich den nächsten Schauder über den Rücken jagd. Schnell ziehe ich die Kapuze tiefer und lausche der Stille und dem Flüstern. Doch mein wilder Herzschlag übertönt alles und ich weiß, dass ich mich nicht länger gegen den Traum aus letzter Nacht wehren kann.
Mit einem Mal schlagen mehr Wellen ans Ufer. Ich trete einen Schritt zurück. Kaum noch spüre ich meine Zehen in dem kalten Leder der Stiefel und sehne mich nach der Wärme des knisternden Feuers in meiner Hütte. Sehnsüchtig schaue ich zurück, suche nach dem Weg, den ich gekommen bin. Doch die Nebel haben mich bereits eingehüllt und zeigen mir nichts mehr von der Welt der Menschen. Gibt es schon jetzt kein Zurück mehr? Und unterliege ich bereits der Macht meines Traumes? Schmerzhaft dringen Zweifel in meinen Bauch und mir wird übel. Ich kann das nicht. Unmöglich kann ich die Grenze nach Avalon überschreiten.

(c) Amanda Koch

Die Zeilen entstanden als ich die Trilogie "Die Wächter von Avalon" schrieb. Sie sind nicht lektoriert und zeigen eine andere Perspektive - nämlich die von Nagaina. Durch diese und viele andere Zeilen wuchs ich in ihr Fühlen und ihren Charakter hinein.

 

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